Informationen für Patienten

Auf den nächsten Seiten finden Sie eine Zusammenstellung von Informationen zu den verschiedenen psychischen Störungen mit dessen Hilfe Sie sich umfassend darüber informieren können, welche Symptome bei den verschiedenen psychischen Störungen auftreten und welche Behandlungsmöglichkeiten es für die jeweilige Erkrankung gibt.

  • Depressive Störungen

    Eine Depression (lat. Deprimere, d. h. herunterdrücken) ist kein vorübergehendes Stim­mungstief, sondern eine behandlungsbedürftige seelische Erkrankung.

    Als Depression bezeichnet man eine tiefe Veränderung von Fühlen, Denken und Wollen, von Stimmung und Unternehmungslust zum Negativen hin über einen längeren Zeitraum, oft von körperlichen Beschwerden begleitet.

    Depressionen sind sehr weit verbreitet und im Zunehmen begriffen. In Deutschland erkrankt rund jeder fünfte einmal im Leben an einer Depression.

    Die Depression ist keine Stimmungsschwankung und keine Trauerreaktion, sondern eine Gemütskrankheit, die ärztlich/therapeutisch behandelt werden muss. Geschieht das rechzeitig und konsequent, ist sie recht gut behandelbar.

    Eine Depression liegt dann vor, wenn mehrere folgender Beschwerden auftreten:

    1. starke innere Unruhe

    2. Schlafstörungen

    3. gedrückte Stimmung

    4. Interessensverlust und Freundlosigkeit

    5. Antriebsmangel bzw. erhöhte Ermüdbarkeit

    6. Trostlosigkeit

    7. vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen

    8. Konzentrationsstörungen

    9. Schuldgefühle und Selbstanklagen

    10. Unfähigkeit, Entschlüsse zu fassen

    11. Selbstmordgedanken oder –handlungen

    12. verminderter Appetit, verminderte sexuelle Lust

    13. gestörte Farbwahrnehmung (alles grau in grau)

    14. unbestimmtes, schlechtes körperliches Befinden.

    Nicht immer werden die Symptome richtig gedeutet, wodurch oft zu spät oder gar nicht be­handelt wird. Immerhin nehmen sich in Deutschland pro Jahr rund 1200 Menschen das Le­ben, wobei die meisten Suizide im Rahmen von depressiven Erkrankungen erfolgen.

    Heutzutage flüchten zahlreiche Menschen – ohne es zu wissen – mittels Aktivismus vor einer Depression. Sie stürzen sich in Arbeit, treiben exzessiv Sport, wechseln ständig den Partner, aber sie haben keine Lebensfreude. Auf diese Art und Weise kann eine Depression jahre­lang maskiert werden.

    Depressionen führen zu Problemen im zwischenmenschlichen Bereich und auch in Beruf und Haushalt. Es kommt zum Rückzug aus sozialen Kontakten, Beziehungsabbrüchen, Iso­lation und zum aktiven Rückzug aus der Umgebung.

    Hinzu kommen Probleme im hygienischen Bereich wie Vernachlässigung von Kleidung und Körperpflege. Weiterhin bestehen ein Unvermögen, sich zu alltäglichen Aufgaben aufzuraf­fen, lange Anlaufzeiten und unendliche Mühsal (doppelter Einsatz mit halbem Ertrag).

    Im beruflichen Bereich treten zuerst Probleme bei neuen, ungewöhnlichen oder schwierigen Aufgaben, bei Mehrfachbelastungen, Arbeit unter Zeitdruck oder bei rasch wechselnden Anforderungen auf. Dadurch kommt es zum Leistungsabfall, der oft Unverständnis, Verärge­rungen, demütigende Aussprachen bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes nach sich ziehen kann.

    Es gibt viele mögliche Ursachen für eine Depression.

    Auslöser sind oft seelische Belastungen, Todesfälle, Trennungen, Auszug der Kinder und berufliche Veränderungen. Zum Teil werden hierbei belastende Situationen aus der Kindheit oder auch frühere traumatische Erlebnisse wiedererweckt. Auch Erschöpfungszustände durch Überarbeitung können in eine Depression münden, ebenso Unterforderung, wie bei Arbeitslosigkeit und Ruheständlern.

    Depressionen können auch körperliche Ursachen haben, z.B. Hirnerkrankungen bei älteren Menschen, Schlaganfälle, schweren Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen im Zentral­nervensystem aber auch im übrigen Körper wie z.B. bei der Zuckerkrankheit (Diabetes mel­litus).

    Auch hormonelle Umstellungen bei Frauen, wie nach einer Geburt oder in den Wechseljah­ren können Depressionen auslösen.

    Es gibt auch eine genetische Veranlagung zu Depressionen.

    Die Depressionen werden nach Schweregraden eingeteilt. Es gibt leichte, mittelschwere und schwere Depressionen. 

    Es gibt auch Menschen, die unter Depressionen leiden und deutliche Stimmungszyklen (Phasen gehobener und gedrückter Stimmung) haben. Dies nennt man manisch-depressive Störung.

    Die Depression ist kein Schicksal, mit dem man sich abfinden muss. Die Erkrankung lässt sich heutzutage gut behandeln.

    Die Behandlung erfolgt in zwei Stufen:

    Das Ziel der akuten Behandlung (Stufe eins) ist die Bekämpfung der Symptome der Depres­sion, solange, bis es den Betroffenen wieder gut geht.

    Die Erhaltungstherapie (Stufe zwei, eine Fortführung der Behandlung für einige Zeit, auch wenn es den Betroffenen bereits wieder gut geht) ist wichtig, da diese Behandlung eine wei­tere depressive Phase verhindert.

    Die Behandlung erfolgt im Wesentlichen durch Medikamente und/oder durch Psychothera­pie:

    Psychotherapie (griechisch: psyche, d.h. Seele) bedeutet Krankenbehandlung mit psycholo­gischen Mitteln, im Wesentlichen mit den Mitteln des beeinflussenden Gesprächs, wobei der Körper mehr oder weniger stark miteinbezogen wird. Die psychotherapeutische Behandlung wird in Form von regelmäßigen Terminen (z. B. einmal wöchentlich) über einen Zeitraum von mehreren Wochen, Monaten, manchmal auch Jahren durchgeführt. Sie erfolgt im Einzel­kontakt mit dem Therapeuten oder in der Gruppe, und soll dazu führen, dass der Patient sein eigener Spezialist wird im Umgang mit seiner Erkrankung, im guten Umgang mit sich selbst, auch mit anderen und mit seiner Umwelt. Erste Wirkungen treten nach einigen Wochen auf.

    Die medikamentöse Behandlung erfolgt mit Antidepressiva. Dies sind Medikamente, die bei schwereren Depressionen, aber auch bei Ängsten, Zwängen und Essstörungen eingesetzt werden. Sie machen nicht süchtig. Sie wirken erst nach 10 bis 14 Tagen, manchmal sogar erst nach vier bis sechs Wochen.

    Bei leichten depressiven Episoden ist Psychotherapie die erste Wahl. Bei mittelschwerer Depression wird von der gleichen Wertigkeit von antidepressiven Medikamenten und Psy­chotherapie im akuten Stadium ausgegangen. Bei schwerer Depression wird empfohlen, zusätzlich zur in diesem Fall nötigen Medikamentenbehandlung auch psychotherapeutische Maßnahmen einzuleiten. Auch ist im Anschluss an eine erfolgreich abgeschlossene Medi­kamentenbehandlung eine Psychotherapie die beste Rückfallvorbeugung. Bei manchen De­pressionsarten ist die Kombinationsbehandlung aus Medikamentenbehandlung und geeig­neter Psychotherapie vorrangig.

    Eine Depression kann nicht mit Geduld und Aufopferung von Seiten der Familie und der Freunde, sondern nur mit der geeigneten Therapie durch Fachleute behandelt werden. Die Angehörigen sollten jedoch in die Therapie mit einbezogen werden. Sie müssen lernen, mit der Erkrankung, die von ihnen einerseits sehr viel Verständnis, andererseits aber auch die Bereitschaft fordert, den Betroffenen nicht zu viel zu schonen, vernünftig umzugehen, was nicht leicht ist. Sie sollen helfen, aber durchaus auch noch ihr eigenes Leben leben. Es kann für Angehörige informativ und entlastend sein, eine Angehörigengruppe zu besuchen.

    Was kann ich selbst tun?

    • wichtig ist, mit anderen über die Depression reden, sich nicht davor scheuen; hier kann auch eine Selbsthilfegruppe (bestehend aus anderen Betroffenen) hilfreich sein
    • Soziale Kontakte pflegen, auch wenn ich mich scheinbar dazu erst gar nicht aufraffen kann
    • mich immer wieder aktiv fragen, was tut mir jetzt gut, und dies dann auch durchführen
    • Hilfen von anderen annehmen
    • auf den eigenen Körper achten, ihn hegen und pflegen, und ihn nicht für vollkommen selbstverständlich halten
    • immer wieder im Alltag inne halten und mehrmals (ca. 10 mal) tief durchatmen, dabei achtsam spüren, wie der Atem durch den Körper strömt
    • nicht streng und fordernd, sondern geduldiger mit mir umgehen
    • mit mir selbst Schritt halten, nicht erwarten alles tun zu können wie ohne Depression, ev. ist ein Zeitplan, den ich auch einhalten kann, sinnvoll
    • ich muss verstehen lernen, dass es einige Zeit dauerte bis die Depression ausbrach und es daher auch Zeit braucht, bis die Depression wieder verschwunden ist (einige Monate mindestens)
    • mich regelmäßig bewegen, wenn möglich etwas Sport treiben
    • bei Selbsttötungsgedanken darüber mit einer Vertrauensperson sprechen. Nicht das Sprechen, sondern das Schweigen darüber erhöht die Gefahr!
    • daran denken, dass negatives Denken Teil der Depression ist und dieses abklingt, wenn die Depression verschwindet
    • Alkohol und Drogen meiden, da dies eine Depression verschlimmert und auch verursa­chen kann
    • mich immer wieder dazu einladen, die uns allen eigene Neigung, die Dinge in eine be­stimmte Richtung biegen zu wollen, mehr loszulassen
    • wenn es geht, mal über mich lächeln, auch aktiv ein leichtes Lächeln aufbauen, indem ich wirklich willentlich meine Mundwinkel ganz leicht nur anhebe (ich stelle mir z. B. vor, an den Mundwinkeln gäbe es kleine „Hosenträger“), das Lächeln sich ausbreiten lasse und spüre, wie es sich im Gesicht (und evtl. im ganzen Körper) anfühlt.
  • Angststörungen

    Angst ist  ein Teil unseres Gefühlslebens und deshalb durchaus sinnvoll. Als Warn- und Alarmsignal hilft die Angst auf Bedrohungen von außen und Störungen von innen aufmerk­sam zu machen. Damit ist die Angst ein lebensnotwendiger Anpassungs- und Lernvorgang.

    Angststörungen sind psychische Störungen, bei denen die Furcht vor einem Objekt oder ei­ner Situation so stark im Vordergrund steht, dass das alltägliche Leben in vielen Bereichen stark eingeschränkt ist.

    Man bezeichnet Angst als krankhaft, wenn:

    • sie übermäßig stark ist
    • Dauer und Häufigkeit der Angstzustände mit der Zeit zunehmen
    • die Betroffenen nicht in der Lage sind, die Angst aus eigener Kraft zu überwinden
    • die aktuellen Lebensumstände das Ausmaß der Angst nicht erklären können.

    Besteht die Angststörung schon seit längerer Zeit, so kommt es üblicherweise zu einem massiven Rückzug aus dem Alltag. Orte und Situationen, die Angst machen, werden gemie­den. Häufig ist soziale Isolation die Folge.

    Schätzungen zufolge leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres an Angsterkrankungen, die behandlungsbedürftig sind. Meist tritt die Erkrankung vor dem 45. Lebensjahr auf. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

    Ursachen für Angststörungen

    Eine genaue Ursache für die Entstehung von Angststörungen ist nicht bekannt. Es gibt un­terschiedliche Ansätze zur Erklärung der Ursache. Beispielsweise geht man bei der psycho­analytischen und der lerntheoretischen Theorie davon aus, dass die Ursache der Erkrankung in der Kindheit liegt. Die neurobiologische Theorie dagegen sagt, dass die Veranlagung zur Angsterkrankung angeboren ist.

    Arten von Angststörungen

    Experten unterscheiden bei einer Angststörung zwischen gerichteter und ungerichteter Angst:

    Gerichtete Ängste treten in ganz bestimmten Situationen oder gegenüber ganz bestimmten Objekten auf. Sie werden auch als Phobien bezeichnet.

    Gerichtete Ängste bei einer Angststörung sind:

    • Agoraphobie (Angst vor offenen, weiten Plätzen)
    • Soziale Phobie (Angst vor dem Umgang mit anderen Menschen)
    • Spezifische Phobien (Angst tritt nur in Konfrontation mit ganz bestimmten Objekten oder Situationen auf, z.B.:

    Tierphobien: Angst vor Spinnen, Hunden, Mäusen

    Situative Phobien: Flugangst, Höhenangst, Tunnel, Aufzüge, Dunkelheit

    Natur-Phobien: Donner, Wasser, Wald, Naturgewalten

    Anblick von Blut, Spritzen, Verletzungen.

    Ungerichtete Ängste dagegen haben keinen spezifischen Auslöser.

    Zu den ungerichteten Ängsten im Rahmen einer Angststörung zählen:

    • Panikstörungen (plötzliche, episodische Angst)
    • Generalisierte Angststörung (dauerhafte Angst)

    Symptome von Angststörungen

    Angststörungen äußern sich zum einen durch seelische Symptome, nämlich das intensive Empfinden von Angst und Bedrohung bis zur Panik. Daneben treten körperliche Beschwer­den auf, die auch völlig im Vordergrund stehen können.

    Insbesondere bei der Panikstörung kommt es häufig zu Herzrasen und dem Gefühl, das Herz schlage unregelmäßig. Auch Schwitzen, Zittern, Erstickungsgefühl und Schmerzen an unterschiedlichen Stellen des Körpers treten auf. Meist dauert die Panikattacke einige Minu­ten lang an, der Betroffene verlässt typischerweise den Raum und meidet anschließend die Panik auslösende Ursache.

    Diagnose von Angststörungen

    Um die Diagnose einer Angststörung zu stellen, wird der Arzt zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Betroffenen führen (Anamnese). Dabei können auch spezielle Angstfra­gebögen eingesetzt werden. Es erfolgen eine internistische und neurologische Untersuchung und eine Blutabnahme.  Bei allen Angststörungen, für die sich eine andere Erkrankung als Ursache herausfinden lässt, spricht man von einer sekundären Angstsympomatik. Hier be­handelt der Arzt vor allem die Grunderkrankung und erst in zweiter Linie die Angstsymptome.

    Echte Angststörungen sind im Gegensatz dazu primäre Angsterkrankungen, für die es keine andere medizinische Erklärung gibt und die therapiert sein sollen. Es kann bei der Diagnose­stellung und Planung der Therapie hilfreich sein, ein Angsttagebuch zu führen. Hierin werden Häufigkeit und Art der Symptome schriftlich festgehalten.

    Therapie bei Angststörungen

    Als gut wirksame Behandlung von Angststörungen hat sich die Kombination von Medika­menten mit verschiedenen anderen Therapien erwiesen.

    Um die innere Anspannung bei Angststörungen zu lindern, ist die Anwendung von Entspan­nungstechniken wie dem autogenen Training, der progressiven Muskelentspannung oder so genannter Biofeedback-Verfahren hilfreich.

    Bei der kognitiven Therapie lernt der Betroffene, bestimmte körperliche Symptome und Denkweisen als Auslöser der Angst zunächst zu erkennen und anschließend bewusst zu versuchen, sie zu berichtigen.

    Durch die Verhaltenstherapie soll der Betroffene lernen, sich dem Auslöser seiner Angst zu stellen anstatt ihn zu meiden. Es werden die "Desensibilisierung" und zum anderen die "Reizkonfrontation" angewendet. 

    Die Soziotherapie verfolgt das Ziel, die soziale Ausgrenzung der Betroffenen zu mildern und den Wiedereinstieg in das soziale und berufliche Leben zu fördern.

    Mithilfe tiefenpsychologischer Verfahren versucht man, die in der Kindheit vermutete Ursa­che der Angststörung zu behandeln. Diese Behandlung erstreckt sich häufig über Jahre.

    Zur medikamentösen Behandlung von Angststörungen setzt man Antidepressiva ein.

    Verlauf von Angststörungen

    Der Verlauf einer Angststörung ist abhängig vom Beginn der Erkrankung. Beispielsweise verschwinden in der Kindheit begonnene Phobien häufig im Laufe des Erwachsenenalters. Eine Angststörung kann aber auch chronisch werden. Je früher im Krankheitsverlauf die Di­agnose gestellt und eine Behandlung begonnen werden, umso besser ist die Prognose der Erkrankung.

    Menschen mit einer Angststörung haben ein erhöhtes Risiko für Alkohol- oder anderen Suchtmittel-Missbrauch, da sie so ihre Beschwerden dämpfen möchten. Im schlimmsten Fall kommt es zur völligen Isolierung des Betroffenen.

    Die frühe Diagnose und Behandlung der Angststörung sind wichtig. So kann versucht wer­den, einen chronischen Verlauf der Erkrankung bis hin zur Isolierung des Betroffenen zu vermeiden. Angst oder Panik auslösende Situationen sollten vom Betroffenen bewusst ge­sucht anstatt gemieden werden. So kann er lernen, dass die jeweilige Situation ungefährlich ist. Einem gefährlichen Vermeidungsverhalten kann so frühzeitig vorgebeugt werden.

    Das sollten Sie wissen:

    Sie sind nicht alleine! Angststörungen sind weit verbreitet. Fünf von 100 Menschen leiden an einer Angststörung.

    Es kann Ihnen geholfen werden! Versuchen Sie, so schnell wie möglich professionelle Hilfe aufzusuchen. Je länger Sie diesen Schritt hinausschieben, desto schwieriger wird die Thera­pie der Angststörung. Wenden Sie sich an eine vertraute Person, einen vertrauenswürdigen Arzt. Diese Menschen können Ihnen helfen, sich über mögliche Therapiemöglichkeiten zu informieren. Versuchen Sie nicht mit der Störung alleine zu Recht zu kommen oder sich da­mit zu arrangieren. Gehen Sie dagegen vor!

    Versuchen Sie nicht, durch Vermeidung der angstauslösenden Situation Ihre Angststörung in den Griff zu bekommen. Dadurch verhindern Sie eher eine Lösung. Meist entstehen lediglich weitere Schwierigkeiten, weil sich die Angst nur stärker in Ihrem Leben verfestigt.

    Nehmen Sie nicht immer wieder Beruhigungsmittel (z. B. Benzodiazepine) zur Dämpfung der Angst ein. Diese Beruhigungsmittel können leicht abhängig machen. Die Therapie der Angststörung wird dadurch zusätzlich erschwert.

    Vermeiden Sie es, Alkohol als Angstlöser einzusetzen! Alkohol kann, wenn überhaupt, nur im Moment helfen. Auch hier besteht die Gefahr einer Abhängigkeit, was die Situation ent­scheidend verschlimmert. Allgemein sollte Alkohol niemals als Problemlöser eingesetzt wer­den!

    Unbehandelt kann eine Angststörung über Jahrzehnte bestehen und sich sogar verstärken. Wie sie verläuft, hängt immer auch davon ab, wie groß die "Angst vor der Angst" ist. Die Befürchtung, in angstauslösende Situationen zu geraten, führt oft zu einem starken Vermei­dungsverhalten. Wer seine Reaktion unter schwierigen Umständen aber nicht überprüft, kann auch keine Erfolgserlebnisse für sich verbuchen.

    Der Verlauf der unterschiedlichen Angststörungen hängt nicht nur von der Art der Beschwer­den ab. Entscheidend ist vor allem, ob und wie schnell der Betroffene Hilfe sucht. Im Rah­men einer Therapie und einer medikamentösen Behandlung lässt sich die Angst meist gut beherrschen.

     

  • Posttraumatische Belastungsstörungen

    Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder auch post traumatic stress disorder (PTSD) ist eine verzögerte und lang anhaltende Reaktion auf mindestens ein traumatisches Erlebnis.

    Das belastende Erlebnis ist in der Regel mit einer möglichen Bedrohung verbunden, so zum Beispiel im Rahmen von körperlicher Gewalt, Naturkatastrophen oder Krieg. Dabei spielt es keine Rolle, wie lang die traumatische Situation angehalten hat. Die Betroffenen durchleben die traumatische Situation immer wieder, so zum Beispiel in Form von sich aufdrängenden Erinnerungen oder Albträumen.

    Über die Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung gibt es unterschiedliche Anga­ben. Schätzungen zufolge erkranken zwischen zwei und sieben Prozent der Allgemeinbevöl­kerung einmal in ihrem Leben an einer PTBS. Naturgemäß haben manchen Berufsgruppen ein größeres Risiko, ein Trauma zu erleiden und damit eine PTBS zu entwickeln. Dazu gehö­ren Katastrophenhelfer, Lokführer, Feuerwehrleute, Polizisten und Soldaten.

    Ursachen

    Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) kann viele Ursachen haben. Sie entsteht jedoch immer als verzögerte Reaktion auf ein traumatisches, sehr belastendes Ereignis wie zum Beispiel:

    • sexueller Missbrauch, Vergewaltigung
    • körperliche Gewalt, Folter, Gefangenschaft
    • Krieg
    • Terroranschlag
    • Naturkatastrophen
    • Unfälle
    • die belastende Diagnose einer ernst zunehmenden Erkrankung.

    Auch Augenzeugen, die nicht unmittelbar in das Geschehen involviert sind, können in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.

    Nicht jeder Mensch, der eine ungewöhnlich belastende Situation durchlebt, erkrankt in der Folge an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Vielmehr spielen zum Beispiel voran­gegangene traumatische Erfahrungen oder genetische Einflüsse eine wichtige Rolle. Gene­rell erkranken eher Personen, die psychisch nicht sehr belastbar sind, jedoch können auch psychisch stabile Menschen eine PTBS entwickeln. Frauen bekommen häufiger eine post­traumatische Belastungsstörung als Männer. Ein niedriges Alter zum Zeitpunkt der Belastung stellt einen weiteren Risikofaktor dar, ebenso ein mangelndes soziales Netzwerk und ein niedriger sozioökonomischer Status. Entscheidend ist auch, wie die Umwelt auf das Opfer reagiert. Wird ihm bestätigt, dass es Schlimmes erlebt habe, sinkt das Risiko für eine post­traumatische Belastungsstörung. Opfer, die zu hören kriegen, sie trügen eine Mitschuld an dem Geschehen oder sollten sich zusammenreißen, werden eher krank. 

    Schocksymptome

    Ein posttraumatische Belastungsstörung entwickelt sich nicht sofort. Die meisten Menschen reagieren auf eine Katastrophe zunächst mit Schocksymptomen: Sie fühlen sich betäubt, sie können emotional nicht auf das Geschehen reagieren, ihre Wahrnehmung ist beeinträchtigt (Tunnelblick, Betäubtheit). Solche Symptome sind eine Schutzreaktion auf den massiven Stress und insofern gesund. Im Gegensatz zu der akuten Belastungsreaktion, deren Symp­tome in der Regel innerhalb von wenigen Tagen abklingen, tritt die PTBS mit einer Verzöge­rung von einigen Wochen bis hin zu mehreren Jahren auf. Die Beschwerden halten zudem länger an.

    Hauptsymptome

    Eine posttraumatische Belastungsstörung geht mit folgenden Hauptsymptomen einher:

    • dem unwillkürlichen Wiedererleben der schrecklichen Ereignisse,
    • Vermeiden und Verdrängen der Erinnerungen,
    • erhöhter Nervosität und Reizbarkeit,
    • Verflachung der Gefühle und Interessen.

    Quälende Erinnerungen und Wiedererleben

    Betroffene werden von spontan auftretenden Erinnerungen überfallen. Sie reichen von Erin­nerungsbruchstücken bis zu so genannten Flashbacks. Bei solchen halluzinationsartigen Nachhallerlebnissen überwältigt die Erinnerung die Betroffenen und vermittelt ihnen das Gefühl, das traumatische Ereignis noch einmal zu durchleben. Flashbacks können durch Schlüsselreize ausgelöst werden, beispielsweise wenn ein Brandopfer Rauch riecht oder ein Unfallopfer Glas splittern hört. Die Erinnerungen kommen auch nachts in Form von wieder­kehrenden Albträumen.

    Die schrecklichen Erinnerungen können bei den Betroffenen körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche, Zittern und Atemnot auslösen.

    Vermeiden und Verdrängen

    Traumaopfer vermeiden Gedanken und Gefühle, Situationen und Aktivitäten, welche die Er­innerung an das schreckliche Erlebnis wecken könnten. Dabei können sie geradezu phobi­sches Verhalten an den Tag legen. Wer in einen Autounfall verwickelt wurde, weigert sich vielleicht in ein Auto zu steigen, wer nachts überfallen wurde, traut sich bei Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus. 

    Bei manchen Traumaopfern ist die Erinnerung so unerträglich, dass sie ganz oder teilweise gelöscht wurde (Amnesie).

    Verflachung der Gefühle und Interessen

    Ein Trauma kann die Lebenslust nachhaltig beeinträchtigen. Betroffene verlieren das Inte­resse an Hobbies, an ihrer Arbeit und an sozialen Kontakten. Sie erwarten nichts mehr vom Leben und schmieden keine Zukunftspläne. Viele berichten, die Fähigkeit zur Freude, zur Liebe aber auch zur Trauer verloren zu haben. Das Erlebte trennt sie von den Mitmenschen, sie fühlen sich selbst von den engsten Angehörigen entfremdet. Nicht selten mündet das in eine Depression.

    Nervosität und Reizbarkeit

    Bei vielen Traumaopfern liegen die Nerven blank. Sie sind oft schreckhaft und übermäßig wachsam. Einige haben ständig das Gefühl, in Gefahr zu sein, bewaffnen sich oder lassen umfassende Sicherheitssysteme in ihre Wohnung einbauen. Viele haben Konzentrationsstö­rungen, können sich kaum auf ihre Arbeit, ein Buch oder einen Film konzentrieren. Men­schen mit Posttraumatischer Belastungsstörung sind reizbar und fahren schnell aus der Haut. Viele Betroffene, die vor dem Trauma ausgeglichen waren, neigen anschließend zu unvorhersehbaren Wutausbrüchen. Die dauernde Anspannung raubt vielen Traumaopfern die Nachtruhe. Sie können schlecht ein- oder durchschlafen und leiden unter Albträumen.

    Diagnose

    Für Personen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist eine frühzeitige Diagnose sehr wichtig. Je früher eine Therapie erfolgt, desto eher kann verhindert werden, dass die Beschwerden chronisch werden.

    Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung ist nicht ganz einfach. Viele Symp­tome überschneiden sich mit denen einer Angsterkrankung, Borderlinestörung, Depression oder Hirnverletzung. Vor allem, wenn der Patient selbst seine Beschwerden nicht mit einem erlittenen Trauma in Verbindung bringt, oder den Auslöser aus Scham verschweigt, ist die Diagnose schwierig.

    Die Diagnose erfolgt vorzugsweise im Rahmen eines umfassenden standardisierten Inter­views. Dabei gehen Therapeuten nach speziellen Fragebögen vor. Hilfreich sind auch Fra­gebögen, mit deren Hilfe der Patient eine Selbstbeurteilung anfertigt, beispielsweise: "Immer wenn ich an das Ereignis erinnert wurde, kehrten die Gefühle wieder." Oder "Ich konnte nicht einschlafen, weil ich immer dieses Ereignis vor mir sah."

    Therapie

    Die Therapie von posttraumatischen Belastungsstörungen erfolgt meist in drei Stufen, die teilweise auch parallel ablaufen können. So wird die Stabilisierung im gesamten Therapie­verlauf immer wieder eine Rolle spielen.

    1. Stabilisierung und Affektregulation: Hier geht es zunächst darum, das erschütterte Gefühl von Sicherheit wiederherzustellen. Der Betroffene lernt in dieser Phase, die über ihn her­einbrechenden Erinnerungen zu kontrollieren. Dabei hilft es, die persönlichen Ressour­cen und Kraftquellen anzuzapfen und seine Einbindung ins soziale Netz zu nutzen.
    2. Traumasynthese/Traumaexposition: Erst wenn der Patient stabil ist, kann die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Trauma erfolgen. Oft kann sich der Betroffene nur frag­mentarisch an das Geschehen erinnern. Der Grund: Der Schock blockiert wichtige Infor­mationsverarbeitungsprozesse im Gehirn. Während der Therapie gilt es, die Einzel­stücke zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Ziel ist es, das Erlebte als Teil der Vergan­genheit begreifen zu können, der seine Macht über die Gegenwart verloren hat.
    3. Integration und Neuorientierung: Ziel ist es, die traumatische Erfahrung in die persönliche Lebensgeschichte zu integrieren, sie als Teil der persönlichen Vergangenheit zu ak­zep­tieren und sich mit ihr auszusöhnen. Dabei finden auch Wut und Trauer über das, was durch das Trauma vielleicht zerstört wurde, ihren Platz. Darauf aufbauend kann der wei­tere Lebensweg geplant und gestaltet werden.

    Als Therapieform kommt beispielsweise eine konfliktzentrierte Psychotherapie in Betracht, bei der das Trauma gegebenenfalls bearbeitet wird. Eine Traumabearbeitung sollte nur dann erfolgen, wenn der Betroffene entsprechend stabil ist und keine weitere Einwirkung durch das Trauma erfolgt. Dabei ist es sehr wichtig, dass das Erlebte sehr behutsam und unter erfahrener Anleitung angesprochen wird, da sich das Beschwerdebild ansonsten ver­schlechtern kann. Je nach Schwere der Erkrankung ist eine ambulante oder stationäre The­rapie möglich.

    Weitere Therapieverfahren, die im Rahmen einer PTBS angewendet werden, sind die Ver­haltenstherapie, Hypnotherapie, Entspannungstechniken oder auch das so genannte EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), bei dem die belastende Situation mit­hilfe gezielter Stimulation, unter anderem durch gezielte Augenbewegungen, bearbeitet wird.

    Bestehen die Beschwerden über einen längeren Zeitraum hinweg, kann der Betroffene zu­sätzlich insbesondere mit Antidepressiva  unterstützt werden. In speziellen Selbsthilfegrup­pen können sich PTBS-Betroffene darüber hinaus austauschen und gegenseitig unterstüt­zen.

    Prognose

    Bei einem Drittel der Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung verschwinden die Symptome innerhalb der folgenden zwölf Monaten von alleine. Nach vier Jahren ist etwa die Hälfte der Betroffenen beschwerdefrei. Doch nicht jede PTBS verblasst von allein: bleibt die PTBS längere Zeit bestehen, schleifen sich Vermeidungsstrategien und andere problemati­sche Verhaltensmuster ein, was die Therapie behindert. Hinzu kommen sekundäre Folgen des Traumas: Das Opfer kann seinen Beruf nicht mehr ausüben oder wird von Freunden und Familie verlassen. Die seelische Dauerbelastung kann überdies körperliche Folgen haben, wie beispielsweise eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.

    Im Rahmen einer PTBS kommt es häufig zu Alkohol- und Medikamentenmissbrauch, da die Betroffenen versuchen, das Erlebte zu verdrängen. Viele Menschen mit einer posttraumati­schen Belastungsstörung leiden an Depressionen, die auch mit Selbstmordgedanken bis hin zum Suizid verbunden sein können.

    Ob eine Posttraumatische Belastungsstörung chronisch verläuft, lässt sich nicht vorhersa­gen. Zur Aufrechterhaltung trägt vermutlich bei, wie der Betroffene seine Erfahrung und Situ­ation interpretiert, ob er positive oder negative Überzeugungen hegt, wie gut er unterstützt wird.

    Einem Teil der Traumatisierten gelingt es, die Traumaerfahrung für einen persönlichen Rei­fungsprozess zu nutzen. Experten sprechen von einer posttraumatischen Reifung (posttrau­matic growth). Für sie ist das Trauma ein Anstoß ihrem Leben eine neue Richtung oder so­gar einen tieferen Sinn zu geben. So kann die Konfrontation mit dem Tod dazu beitragen, das Leben intensiver und bewusster zu leben, die Verwirklichung langgehegter Träume an­zupacken oder neue Wertvorstellungen zu entwickeln. Ein Teil der Opfer findet einen Le­benssinn darin, sich für andere Traumaopfer zu engagieren oder anderen Menschen das eigene Trauma möglichst zu ersparen. Diese Mission hilft ihnen, sich mit den eigenen schlimmen Erfahrungen auszusöhnen.

  • Somatoforme Störungen

    Eine somatoforme Störung ist eine psychische Störung, die aufgrund der körperlichen Be­schwerden eine organische Erkrankung vermuten lässt, für die jedoch keine körperlichen Ursachen zu finden sind.

    Dabei stehen neben Allgemeinsymptomen wie Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerzsymptome an vorderster Stelle, gefolgt von Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen-Darm-Beschwerden, sexuellen und pseudoneurologischen Symptomen. Bezeichnungen für Krankheitsbilder aus diesen Kategorien sind z. B. psychogene Störungen, funktionelle Störungen, vegetative Dystonie, allgemeines psychosomatisches Syndrom, Konversionshysterie, Briquet-Hysterie, psychische Überlagerung. Somatoforme Störungen zählen zu den psychischen Störungen mit der größten Häufigkeit: Etwa 4 bis 11 Prozent der Bevölkerung sind von solchen Störungen betroffen, Frauen häufiger als Männer.

    Ursachen

    Somatoforme Störungen lassen sich normalerweise nicht auf eine einzige Ursache zurück­führen. Vielmehr wird ein Wechselspiel verschiedener Faktoren als Auslöser angenommen.

    Es können biologische Auffälligkeiten eine Rolle spielen, wie beispielsweise bestimmte Atmungsmuster, veränderte Körperwahrnehmung nach schweren Unfällen oder Krankheiten sowie die verringerte Fähigkeit, sich körperlich an bestimmte Umweltbedingungen anzupas­sen.

    Auch genetische Faktoren (z. B. eine verstärkte Reaktionsbereitschaft des vegetativen Ner­vensystems) werden diskutiert. Hierfür spricht, dass somatoforme Störungen familiär gehäuft auftreten können – vor allem bei Verwandten ersten Grades.

    Zu den Risikofaktoren, die für eine somatoforme Störung als Ursachen (mit) infrage kom­men, gehören auch bestimmte psychosoziale Faktoren:

    • ein Teufelskreis von körperlichen Reaktionen, Angst und verstärkter Wahrnehmung körperlicher Symptome
    • körperliche Beschwerden als Folge seelischer Konflikte: meist unbewusste seelische Prozesse (z. B. Angst, Wut, Ärger, Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen) können sich in Körpersymptomen ausdrücken.
    • Patienten mit somatoformen Störungen zeigen in ihren Biographien erhöhte Raten an allgemeinen Belastungsfaktoren wie niedriger sozioökonomischer Status, Scheidung, Verlust, Alkoholkrankheit, psychische Störung der Eltern oder eines Elternteils. Darüber hinaus liegen auch erhöhte Raten an sexueller Traumatisierung bzw. körperlichem Miss­brauch vor.

    Symptome

    Die somatoforme Störung lässt sich anhand der Symptome in zwei Symptomgruppen unter­teilen:

    Erste Symptomgruppe

    Diese Gruppe tritt häufiger auf als die zweite. Bei dieser somatoformen Störung zeigen sich Veränderungen, die auch objektiv feststellbar sind. Es besteht eine allgemeine vegetative Erregung, die sich in einer Vielzahl von Symptomen äußert:

    • im Bereich der Atmung z. B. als Gefühl der Atemhemmung, Globussyndrom, Halsenge, Luftnot
    • im Bereich des Herzkreislaufsystems z. B. Druckgefühl, Stiche, Beklemmungsgefühl in der Brust, Herzstolpern
    • im Magen-Darm-Trakt (Reizmagen und Reizdarm): Übelkeit, Völlegefühl, Bauchschmer­zen, Stuhlunregelmäßigkeiten
    • in der Gynäkologie: chronische Unterbauchschmerzen, Schmerzen im Unterbauch mit Ausstrahlung in Leisten und Kreuzbein
    • in der Urologie (Reizblase, Urethralsyndrom, Prostatadynie): Häufiges und/oder schmerz­haftes Wasserlassen, Gefühl erschwerter Miktion, Schmerzen im Unterbauch/Damm
    • als somatoforme Schmerzstörung: Anhaltende Schmerzen ohne erklärenden körperli­chen Befund.

    Zweite Symptomgruppe

    Diese umfasst subjektivere und weniger kennzeichnende Beeinträchtigungen (z. B. fließen­der Schmerz sowie das Gefühl, aufgebläht oder auseinandergezogen zu sein).

    Ein weiteres typisches Symptom ist die anhaltende und quälende Beschäftigung der Betrof­fenen damit, ernsthaft krank zu sein, obwohl Ärzte dies mehrfach nicht bestätigen konnten. Daneben findet man bei Patienten mit somatoformen Störungen nicht selten andere psychi­sche Störungen, insbesondere depressive Störungen, Angststörungen und Persönlich­keitsstörungen.

    Diagnose

    Die Diagnose einer somatoformen Störung beruht zunächst auf dem Ausschluss einer orga­nischen Verursachung der beklagten Körperbeschwerden. Dazu muss aber eine psychische Diagnostik kommen, die gegenwärtige Affekte, psychische Konflikte, Aspekte der psychi­schen Struktur, biographische Belastungen und soziale und kulturelle Faktoren berücksich­tigt. Gegebenenfalls kommen zur Diagnose auch psychologische Tests und Fragebögen zum Einsatz: Um eine somatoforme Funktionsstörung, ihren Schweregrad sowie die mit der Störung verbundenen Beeinträchtigungen einschätzen zu können, steht eine Vielzahl stan­dardisierter Fragebögen und Checklisten zur Verfügung.

    Menschen, bei denen eine somatoforme Störung vorliegt, können die Diagnose oftmals nicht akzeptieren. Es ist für sie schwer vorstellbar, dass ihre Beschwerden keine körperlichen Ur­sachen haben, sondern möglicherweise durch seelische Vorgänge (psychosomatisch) ent­standen sein könnten. Die Art der Symptome oder das daraus folgende Verhalten beein­trächtigen bei einer somatoformen Störung das Leben im familiären oder sozialen Bereich.

    Therapie

    Liegt eine somatoforme Funktionsstörung vor, sollte die Therapie so früh wie möglich begin­nen, um zu verhindern, dass die Störung dauerhaft bestehen bleibt. Wichtig ist dabei, dass die Betroffenen den Zusammenhang zwischen körperlichen Empfindungen und psychischen Vorgängen erkennen lernen.

    Entspannungsverfahren

    Wenn eine somatoforme Störung besteht, sind zur Therapie Entspannungsverfahren geeig­net: Diese sollen verhindern, dass sich Beschwerden durch Angst und eine damit verbun­dene Erhöhung der Muskelspannung und vegetative Erregung verstärken.

    Wenn Entspannungsmethoden die Anspannung vermindern, lindert dies auch die hervorge­rufenen Beschwerden. Am häufigsten kommen zur Therapie Autogenes Training, progressive Muskelentspannung und Biofeedback zum Einsatz. Allerdings ist nicht jede Ent­spannungsmethode auch für jeden Betroffenen geeignet.

    Operantes Verhaltenstraining

    Das Verhaltenstraining ist besonders dann geeignet, wenn der Patient durch die somato­forme Funktionsstörung ein ausgeprägtes Schonverhalten entwickelt hat. Bei diesem Trai­ning lernt man, wieder aktiver am Leben teilzunehmen und das Schonverhalten, das Be­schwerden fördert, abzubauen.  Es ist ratsam, den Partner oder die Partnerin – wenn möglich – in die Therapie miteinzubeziehen.

    Zum Verhaltenstraining gehören folgende Elemente: systematische Verhaltensübungen (Einteilung täglicher Aktivitäten), Selbstsicherheitstraining, Übungen mit Bezugspersonen, die häufig unbewusst ein Verhalten fördern, das die Beschwerden verstärkt (z. B. durch das Abnehmen von Arbeit), unabhängig von den Beschwerden erfolgende körperliche Aktivität und Medikamenteneinnahme.

    Durch eine psychotherapeutische Behandlung, auch durch Gruppentherapie, lassen sich die wesentlichen Symptome von somatoformen Störungen lindern. Ist die somatoforme Stö­rung mit Erkrankungen wie Depression und Angststörung verbunden, ist eine psychotherapeutische Behandlung ebenfalls hilfreich. Für die individuelle Prognose ist je­doch die Krankheitsdauer entscheidend.

    Verlauf

    Eine somatoforme Funktionsstörung zeigt häufig einen chronischen Verlauf. Hauptgrund dafür ist, dass oft Jahre vergehen, bis es gelingt, die Störung richtig zu diagnostizieren und zu behandeln. Da die somatoforme autonome Funktionsstörung mit Beschwerden verbunden ist, die körperliche Ursachen vermuten lassen, stehen meist über Jahre körperliche (somati­sche) Untersuchungen und Behandlungsversuche im Vordergrund. Oft ist im weiteren Ver­lauf häufig ein Wechsel der vorhandenen Symptome zu beobachten. So können beispiels­weise, nachdem die Betroffenen zunächst über Herzbeschwerden berichteten, später Ver­dauungsprobleme in den Vordergrund treten.

    Komplikationen

    Somatoforme Funktionsstörungen sind durch ein komplexes Zusammenwirken emotionaler, gedanklich bewertender und körperlicher Faktoren bestimmt. Dabei steht im Vordergrund, dass die Betroffenen ihre Aufmerksamkeit übermäßig auf harmlose oder unbedenkliche kör­perliche Missempfindungen lenken. Sie missdeuten diese Körperempfindungen und sehen sie als bedrohlich an. Es entstehen Ängste, die wiederum zu körperlichen Reaktionen wie verringerte Durchblutung in den Händen führen. Die Betroffenen nehmen auch diese Verän­derung wahr und entwickeln neue körperliche Symptome.

    Die durch die somatoforme Funktionsstörung ausgelösten Ängste um die körperliche Ge­sundheit führen auch zu einer übermäßigen Inanspruchnahme des Gesundheitssystems. Aus Angst vor der vermuteten schweren Krankheit erfolgen wiederholt Besuche bei ver­schiedenen Ärzten und diagnostische Untersuchungen bis hin zu Operationen, immer auf der Suche nach einer richtigen Diagnose.

    Schonverhalten und unkontrollierte Medikamenteneinnahme können außerdem die somato­forme autonome Funktionsstörung festigen. Aber auch positive Konsequenzen der angege­benen Beschwerden im sozialen Umfeld, wie Rücksichtnahme im Beruf oder in der Familie, können dazu beitragen, dass die somatoforme Funktionsstörung weiter besteht.

    Vorbeugen

    Wenn Sie möglicherweise zu den Betroffenen zählen, sollten Sie sich frühzeitig über soma­toforme autonome Funktionsstörungen informieren – vor allem darüber, dass Ihren Be­schwerden keine körperlichen, sondern psychische Ursachen zugrunde liegen. Dies kann dazu beitragen, dass frühzeitig eine geeignete Behandlung erfolgt. Ein früher Therapiebe­ginn kann verhindern, dass die somatoforme Funktionsstörung dauerhaft bestehen bleibt.

  • Essstörungen

    Essstörungen können Lösungsversuche für tiefer liegende seelische Probleme oder Ausweg, Flucht oder Ersatz für verdrängte Gefühle und Bedürfnisse sein. Aber auch stummer Protest oder Ablehnung können sich in Essstörungen äußern. Sie signalisieren Verweigerung und stehen doch zugleich für Resignation oder Anpassung.

    Essstörungen können sich auf verschiedene Weise zeigen. Im Wesentlichen werden drei Hauptformen unterschieden: Magersucht (Anorexie, Anorexia nervosa), Bulimie (Bu limia nervosa), Binge-Eating-Störung (Binge Eating Disorder).

    Alle Essstörungen können ineinander übergehen oder sich abwechseln. So entwickelt sich bei Magersucht in etwa 20 Prozent der Fälle eine Bulimie. Nicht immer sind bei Essstörun­gen alle Merkmale ausgeprägt. Nicht alle Essstörungen lassen sich den drei Hauptformen zuordnen. Die Wissenschaft geht davon aus, dass diese unspezifischen und untypischen sonstigen Essstörungen sogar häufiger auftreten als die drei klassischen.

    So unterschiedlich sich Essstörungen zeigen, eines ist für alle kennzeichnend: Essen be­stimmt das Leben der Betroffenen. Das gilt für ihren Tagesablauf, ihre Gefühle, ihre Bezie­hungen zu anderen, ihre beruflichen und privaten Entscheidungen. Sie sind auf das Essen bzw. das Nicht-Essen fixiert. Ihr Körper ist aus ihrer Sicht für alles Glück und Unglück ver­antwortlich. Eines haben Menschen mit Essstörungen jedoch gemeinsam: Die lebensnot­wendige Ernährung ist für sie ein erhebliches Problem mit körperlichen, psychischen und oft sozialen Konsequenzen geworden.

    Überwiegend sind junge Mädchen und Frauen von Essstörungen betroffen, aber auch die Anzahl junger essgestörter Männer nimmt seit einiger Zeit zu.

    Magersucht (Anorexia nervosa)

    Die Magersucht ist eine krankhafte Essstörung. Sie ist gekennzeichnet durch einen starken selbst verursachten Gewichtsverlust und gleichzeitig durch eine große Angst vor einer Ge­wichtszunahme.

    An Magersucht erkranken vor allem Mädchen und junge Frauen, oft ab dem 14. Lebensjahr. Aus Angst, zu dick zu sein oder zu werden, halten sie strengste Diät und versuchen mit allen Mitteln, Kalorien zu verbrennen. Auch wenn Magersucht bei Frauen weitaus häufiger zu fin­den ist, sind zunehmend auch Männer von dieser Essstörung betroffen.

    Die der Magersucht zugrunde liegenden Ursachen sind weitgehend unbekannt. Es scheint sich um eine Kombination aus psychischen und gesellschaftlichen Einflüssen zu handeln, die jedoch zusätzlich einer genetisch bedingten Empfänglichkeit (Disposition) bedürfen, um zu diesem Krankheitsbild zu führen.

    Die Magersucht äußert sich durch vielfältige Symptome. Zum einen verlieren die Betroffenen deutlich an Gewicht. Zum anderen kommt es aufgrund der Mangelernährung zu körperlichen Beschwerden, die lebensbedrohliche Ausmaße annehmen können. Magersüchtige zeigen häufig auch depressive Symptome und sind stark reizbar.

    Besteht der Verdacht auf Magersucht, stellt das Körpergewicht ein gut messbares Kriterium für die Diagnose dar: Bei magersüchtigen Menschen wird es um mindestens 15 Prozent ge­genüber ihrer Altersgruppe unterschritten.

    Bei Erwachsenen ist ein Body-Mass-Index (BMI) unter 17,5 ein Anhaltspunkt für eine Mager­sucht.

    (BMI = Körpergewicht in kg, dividiert durch das Quadrat der Körpergröße in m, also kg/m2)

    Langfristig kann sich das Gewicht nur normalisieren, wenn die Ursachen der Magersucht behandelt werden. Da an der Entstehung der Magersucht viele unterschiedliche Faktoren beteiligt sind, umfasst die Behandlung verschiedene Komponenten. Das Ziel besteht darin, dass die Betroffenen lernen, eine realistische Vorstellung ihres Gewichts zu bekommen, und ein normales Selbstwertgefühl aufzubauen. Meist haben sie verlernt, auf die Signale des Körpers, wie zum Beispiel Hunger, zu hören und angemessen zu reagieren. Die Therapie umfasst außerdem Problembewältigung und besonders bei jungen Frauen eine Familienthe­rapie, damit die Angehörigen angemessen auf die Magersucht eingehen können. Wird eine Magersucht (Anorexia nervosa) frühzeitig erkannt und entsprechend behandelt, nimmt sie vielfach einen günstigen Verlauf.

    Da die Ursachen einer Magersucht (Anorexia nervosa) weitgehend kaum bestimmbar und sehr vielschichtig sind, sind wirksame Maßnahmen zum Vorbeugen schwer zu benennen. Allgemein sollte dafür gesorgt werden, dass Mahlzeiten regelmäßig und genussvoll in einer ruhigen Atmosphäre stattfinden. Dies verhindert, dass Essen mit Konfliktsituationen verbun­den wird. Außerdem sollten Kinder nicht gezwungen werden zu essen oder aufzuessen. Fin­den sich Anzeichen für ein fehlerhaftes Essverhalten, sollte dies offen besprochen werden. In einem Gespräch sollte deutlich gemacht werden, dass das Verhalten nicht normal ist und sehr gefährlich sein kann. Es sollte außerdem nicht gezögert werden, ärztliche Hilfe in An­spruch zu nehmen.

    Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)

    Die Bulimie ist eine umgangssprachlich als Ess-Brech-Sucht bezeichnete Essstörung. Kenn­zeichnend sind Essanfälle und anschließend selbst ausgelöstes Erbrechen sowie Miss­brauch von Medikamenten. Dabei haben die Betroffenen in erster Linie Angst vor einer Ge­wichtszunahme.

    Im Gegensatz zur Magersucht (Anorexia nervosa) und zur Binge-Eating-Störung sind die von Bulimie Betroffenen (zumeist Frauen) meist normalgewichtig.

    Die Ursachen der Bulimie reichen von psychischen und familiären Belastungen über biologi­sche Faktoren bis hin zum gesellschaftlichen Schönheitsideal.

    Bulimie-Kranke leiden unter wiederkehrenden Essanfällen. Betroffene können bei dieser Essstörung die Fress-Attacken nicht kontrollieren. Heimlich und in kurzer Zeit schlingen sie Unmengen Nahrungsmittel herunter, oft Eis, Nuss-Nougat-Creme oder andere weiche, leicht verzehrbare, kalorienreiche Lebensmittel.

    Aus schlechtem Gewissen und der Angst vor Übergewicht versuchen Sie hinterher, die Kalo­rien wieder loszuwerden. Manche Bulimie-Kranke erbrechen sich regelmäßig, andere treiben exzessiv Sport oder nehmen Medikamente wie Abführmittel oder Entwässerungstabletten.

    Typisch für Bulimie ist eine übertriebene andauernde Beschäftigung mit Figur und Gewicht. Vom äußeren Erscheinungsbild sind bulimische Frauen und Männer unauffällig. Auch das Essverhalten in der Öffentlichkeit ist eher kontrolliert. Nach außen hin funktioniert alles per­fekt. Für die Diagnose Bulimia nervosa müssen über mindestens drei Monate wenigstens zwei Essanfälle pro Woche auftreten. Die Betroffenen versuchen, ihre Essstörung geheim zu halten. Daher unternehmen sie im Durchschnitt erst nach etwa fünf Jahren den ersten Be­handlungsversuch.

    Die Therapie der Bulimie zielt darauf ab, das Essverhalten zu normalisieren. Anschließend erfolgt die psychotherapeutische Behandlung der zugrunde liegenden Ursachen der Bulimie. Im Einzelfall kommen zusätzlich Medikamente zum Einsatz. Die Prognose der Bulimie hat sich in den letzten Jahren verbessert: In 40 Prozent der Fälle kommt es zu einer deutlichen, in 20 Prozent zu einer geringen Besserung. Allerdings verläuft die Bulimie in weiteren 40 Prozent der Fälle chronisch.

    Es gibt keine Maßnahmen, mit denen man einer Bulimie (Bulimia nervosa) im klassischen Sinn vorbeugen könnte. Fällt Ihnen im Familien- oder Freundeskreis ein Verhalten auf, das auf eine mögliche Bulimie hindeutet, sollten Sie versuchen, die Betroffenen zu einer Bera­tung zu motivieren. Dadurch sind möglicherweise die Ausprägung und der Verlauf der Buli­mie positiv beeinflussbar.

    Ess-Sucht (Binge-Eating-Störung)

    Binge Eating ist ein relativ neuer Krankheitsbegriff, der in den USA entwickelt wurde und auch in Europa zunehmend Beachtung findet. An einer BES erkrankte Personen können nicht kontrollieren, wie viel sie essen oder wann sie mit dem Essen aufhören müssen. Im Gegensatz zur Bulimia nervosa ergreifen die Betroffenen keine Maßnahmen wie Erbrechen oder exzessives Sporttreiben, um einer mögli­chen Gewichtszunahme entgegenzuwirken.

    Äußeres Merkmal der Ess-Sucht (Adipositas) ist das Übergewicht, verursacht durch regelmäßiges Zu-viel-Essen oder auch durch Diätkuren, die zu regelmäßigen Essanfällen führen.

    Das Essen ist keine Reaktion auf Hungergefühle, sondern überwiegend ein Ersatz für uner­füllte emotionale Bedürfnisse. Das übermäßige Essen ist ein Weg, mit Ängsten, Überforde­rung, Nähe, Ärger, Trauer, Wut, Zurückweisungen, innerer Leere, Intimität, Einsamkeit, der Rollenerwartung und Selbstkritik umzugehen. Menschen mit dieser Form von Essstörung fühlen sich dem Essen hilflos ausgeliefert. Beginnen sie erst einmal mit dem Essen, gibt es keine Kontrolle mehr für sie.

    Untersuchungen in den USA haben ergeben, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung an einer Binge-Eating-Störung leiden; die genaue Zahl ist aber nicht bekannt. Anders als bei Magersucht oder Bulimie sind auch viele Männer betroffen.

    Beim Binge Eating sind bei adäquater Behandlung die Aussichten auf einen komplikationslo­sen Verlauf gut. Ohne Behandlung kann es jedoch zu schweren psychischen sowie körperli­chen Problemen kommen. Psychische Folgen von Binge Eating können beispielsweise An­triebslosigkeit, Depressionen oder soziale Isolation sein.

    Dem Binge Eating beziehungsweise einer Binge-Eating-Störung kann man nur bedingt vor­beugen. Den eigenen Körper zu akzeptieren und ein positives Selbstbild helfen allgemein, weniger anfällig für Essstörungen zu sein. Fällt Ihnen bei einem Familienmitglied oder Freund ein unkontrolliertes Essverhalten auf, ist es ratsam, mit der Person darüber zu spre­chen und sie zu einer Beratung zu motivieren. Dadurch können Sie möglicherweise die Aus­prägung und den Verlauf der Binge-Eating-Störung positiv beeinflussen.

    Auch Ess-Süchtige werden von unkontrollierbaren Fressanfällen heimgesucht. Anders als bei der Essstörung Bulimie übergeben sich Betroffene anschließend jedoch nicht und versu­chen auch nicht, die Dickmacher mit Medikamenten oder Training loszuwerden. Ess-Süch­tige werden deshalb mit der Zeit immer dicker.

    Latente Ess-Sucht

    Latent esssüchtige Menschen führen eine ständige Auseinandersetzung mit ihrem Körper­gewicht. Sie leben in einem Wechsel zwischen zu vielem Essen und Diäthalten. Damit gehen häufig große Gewichtsschwankungen innerhalb kurzer Zeit einher.

    Latente Ess-Sucht begünstigt den Einstieg in andere Essstörungen: Versagt die Selbstkon­trolle, kann daraus irgendwann eine Ess-Sucht oder eine Bulimie entstehen. Oder im ande­ren Fall: Die positive Reaktion der Mitmenschen auf die Selbstkontrolle spornt die Betroffe­nen an, noch rücksichtsloser mit sich zu werden und kann zur Magersucht (Anorexia ner­vosa) führen.

  • Informationen zu Abhängigkeit (Sucht)

    Der ältere Begriff Sucht wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch den Be­griff der Abhängigkeit ersetzt. Dabei wird zwischen der psychischen Abhängigkeit, d.h. dem übermächtigen und unwiderstehlichen Verlangen, eine bestimmte Substanz wieder einzu­nehmen, und körperlicher Abhängigkeit, die durch Dosissteigerung und das Auftreten von Entzugserscheinungen gekennzeichnet ist, unterschieden. Insgesamt handelt es sich bei Abhängigkeit also um ein zwanghaftes Bedürfnis und Angewiesensein auf bestimmte Substanzen.

    Je nach Art der Substanz unterscheidet man zwischen Alkohol-, Medikamenten-, und Dro­genabhängigkeit.

    Häufigkeit

    Etwa fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Abhängigkeit. Dabei kommt der Alkoholabhängigkeit die größte Bedeutung zu. In Deutschland sind etwa 1,7 Mio. Men­schen von Alkohol abhängig. Die Zahl der Medikamentenabhängigen liegt bei etwa 1,4 Milli­onen. Etwa 150.000 Menschen in Deutschland sind abhängig von harten Drogen. Unter den Alkohol- und Drogenabhängigen finden sich mehr Männer, wohingegen Frauen häufiger von Medikamentenabhängigkeit betroffen sind. Während Drogen überwiegend von 14-30-Jähri­gen konsumiert werden, tritt Medikamentenabhängigkeit am häufigsten zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr auf.

    Ursachen

    Eine Abhängigkeit (Sucht) entwickelt sich durch das Zusammenwirken verschiedener Fakto­ren. Zum einen spielt die Art der Droge eine tragende Rolle, andererseits gibt es auch Per­sonen, die anfälliger für eine Abhängigkeit sind. Letztendlich kann auch ein bestimmtes sozi­ales Umfeld die Entwicklung einer Sucht fördern.

    Kinder lernen oft von ihren Eltern den unangepassten Konsum von Alkohol. Sie erleben, dass Alkohol zur Freizeit gehört und auch zur Problemlösung eingesetzt wird und überneh­men später häufig dieses Verhalten. Auch der Einfluss von Gleichaltrigen ist groß.

    Medikamentenmissbrauch beruht häufig auf körperlichen Beschwerden und psychosomati­schen Störungen (z. B. Angst, Unruhe, Manisch depressive Erkrankung). Diese Beschwer­den entstehen oft durch Arbeits- und Lebensbedingungen wie Zeitdruck, emotionale Belas­tung und Isolation, die zu Konflikten und Spannungen führen. Gegen die Symptome werden selbstgewählte oder vom Arzt verordnete Medikamente unkontrolliert eingenommen, die aber gegen die eigentlichen Ursachen der Beschwerden nicht helfen. Es ist also eine Kom­bination verschiedener Risikofaktoren, welche die Entstehung einer Abhängigkeit wahr­scheinlich machen.

    Die Droge

    Ob sich eine Abhängigkeit entwickelt, hängt von bestimmten Merkmalen der Droge ab. Zum einen ist entscheidend, wie leicht verfügbar eine bestimmte Substanz ist. Die Tatsache, dass Alkoholabhängige den größten Teil der Abhängigen ausmachen, ist zumindest teilweise da­rauf zurückzuführen, dass Alkohol in Deutschland sehr leicht zu beschaffen ist. Andererseits scheint häufig auch der "Reiz des Verbotenen" (Betäubungsmittelgesetz) besonders groß zu sein, wenn eine Substanz nur schwer verfügbar ist. Darüber hinaus spielt die Wirkung der jeweiligen Substanz eine wichtige Rolle. So führt z.B. Alkoholkonsum zur Enthemmung und löst Ängste. Bei Medikamentenabhängigkeit steht zumindest am Anfang die schmerzlin­dernde oder beruhigende Wirkung im Vordergrund.

    Ein weiteres einflussreiches Merkmal der Substanz ist ihr Abhängigkeitspotenzial, das heißt wie leicht sie zu psychischer oder körperlicher Abhängigkeit führt. Einige Substanzen führen schneller zur Abhängigkeit als andere, andere Faktoren wie z.B. die Persönlichkeit des Kon­sumenten spielen aber ebenfalls eine entscheidende Rolle. Auch ist die Toleranz für die je­weilige Substanz individuell unterschiedlich.

    Das Individuum

    Auf Seiten des Individuums können folgende Faktoren suchtfördernd wirken:

    • fehlendes Selbstbewusstsein und Komplexe
    • Spaß an Verbotenem und am Risiko
    • Langeweile
    • Beeinflussbarkeit
    • Problemverdrängung
    • gewünschte Leistungssteigerung
    • Kontaktstörungen
    • Geltungsdrang
    • fehlendes Konfliktverhalten
    • genetische Veranlagung

    Situation, soziales Umfeld

    Auch bestimmte Lebenssituationen und soziale Umfelder können suchtfördernd wirken. So wird beispielsweise in unserer Gesellschaft Alkoholkonsum nicht nur toleriert, sondern gehört fast schon zum Alltag. In bestimmten Gruppen (z.B. Vereinen) gibt es feste Trinkrituale, Abstinenz wird verlacht, Trinkfestigkeit gelobt. In anderen Kreisen gilt z. B. Kokain als schick. Auch ideologische Faktoren spielen eine Rolle – in der Hippie-Bewegung gehörte Haschisch zum Lebensgefühl.

    Symptome

    Abhängigkeit (Sucht) äußert sich durch vielfältige psychische und körperliche Störungen.

    Psychische Störungen sind häufig Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, Gleichgül­tigkeit, ängstliche Unruhe, Spannung usw.

    Körperliche Symptome können Schwitzen, Übelkeit, Gewichtsverlust, Schlafstörungen sowie neurologische Ausfälle sein.

    Häufig kommt es zu Vergiftungserscheinungen bis hin zum Koma und Entzugssymptomen, die mit schweren Krampfanfällen einhergehen können.

    Die Betroffenen zeigen häufig charakteristische Verhaltensweisen, indem sie die Situation beschönigen, verleugnen oder verheimlichen. Abhängigkeit hat auch häufig soziale Auswir­kungen wie Kriminalität oder beruflichen Abstieg zur Folge. Die Selbstmordgefahr ist bei Ab­hängigen hoch.

    Je nach Droge unterscheidet man folgende Formen der Abhängigkeit:

    Morphin-/Opiat-Typ

    Opium, Heroin, Methadon und einige stark wirksame Schmerzmittel besitzen unter den Dro­gen das höchste Abhängigkeitspotenzial. Es entsteht sowohl psychische als auch körperli­che Abhängigkeit mit rascher Dosissteigerung. Als Anzeichen einer Vergiftung treten Koma und Atemschwierigkeiten auf. Typische Entzugssymptome sind Unruhe, laufende Nase, Gänsehaut, Muskelschmerzen, Magenkrämpfe und Schlaflosigkeit. Diese Symptome begin­nen etwa sechs bis zwölf Stunden nach der letzten Einnahme und erreichen nach 24-48 Stunden ihren Höhepunkt. Sie klingen innerhalb von zehn Tagen ab.

    Barbiturat-/Alkohol-Typ

    Bei Schlafmitteln (Barbituraten) besteht ein beträchtliches Abhängigkeitspotenzial, relativ häufig werden sie auch bei Selbstmordversuchen verwendet. Nach dem Absetzen kommt es zu Schwäche, Übelkeit und Alpträumen. Wird das Medikament nach längerfristiger Ein­nahme hoher Dosen schlagartig abgesetzt, kann es zu Verwirrtheit, Unruhe und Krampfan­fällen kommen.

    Psychische Symptome der Alkoholabhängigkeit sind oft depressive Verstimmung, Schuld­gefühle, verminderte Leistungsfähigkeit. Akute Vergiftungserscheinungen reichen von ge­steigertem Leistungsgefühl, Euphorie und Reaktionsverlangsamung über Veränderungen der Muskelfeinbewegung und Sehstörungen bis hin zu möglichem Umschlagen in depressive Verstimmung und Übergang in einen narkotischen Zustand.

    Kokain-Typ

    Am weitesten verbreitet sind Kokain und Crack. Es entsteht eine starke psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Dem Rauschstadium folgt ein depressives Stadium mit Angst und Depressionen. Das Verlangen nach erneuter Einnahme setzt ein, um diesen negativen Zustand zu beenden. Bei chronischem Kokainkonsum treten häufig Symptome wie Impotenz/Potenzstörungen, Herzrasen, vermehrte Halluzinationen und Verfolgungswahn auf. Beim Entzug stellt sich depressive Stimmung ein. Die Folgen von Crack-Konsum können sehr schwerwiegend sein, so treten z.B. irreparable Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, die zum Tod führen können.

    Cannabis-/Marihuana-Typ

    Bei Cannabis bzw. Marihuana entwickelt der Konsument eine psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit mit nur geringer Tendenz zur Dosissteigerung. Ein charakteristi­sches Entzugssyndrom gibt es nicht. Relativ häufig treten akute Angstreaktionen auf, es kann auch zu einem Nachrausch ohne Einnahme der Droge kommen. Chronischer Canna­bis-Konsum kann Teilnahmslosigkeit und Passivität zur Folge haben.

    Amphetamin-Typ

    Amphetamine – synthetisch hergestellte, stimulierende Substanzen – werden zur Antriebs- und Leistungssteigerung (Doping) und als Appetitzügler eingenommen. Zu den Amphetami­nen zählt auch die vollsynthetisch hergestellte Droge Ecstasy. Es entsteht eine psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Es gibt kein typisches Entzugssyndrom. Körperliche Auswirkungen sind Appetitzüglung und Blutdruckanstieg.

    Halluzinogen-Typ

    Beim Halluzinogen-Typ besteht starke psychische Abhängigkeit mit Tendenz zur raschen Dosissteigerung, es bildet sich aber keine körperliche Abhängigkeit. Die Substanzen sind teils synthetischen, teils pflanzlichen (Pilze, Kakteen) Ursprungs. Relativ häufig kommt es zu akuten Angstreaktionen und Nach-Rausch. Körperliche Symptome umfassen den Anstieg von Puls und Blutdruck und eventuell Übelkeit.

    Schnüffelsucht (organische Lösungsmittel)

    Bei der Schnüffelsucht wird ein Rauschzustand durch Inhalation von Klebstoff, Lösungsmit­teln oder Lacken herbeigeführt. Es entsteht psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Als körperliche Folgen treten Herzrhythmusstörungen, Nervenschädigungen, Leber- und Nierenschäden und Schädigungen der Atemwege auf.

    Polytoxikomanie

    Unter Polytoxikomanie versteht man eine Mehrfachabhängigkeit. So konsumieren viele Dro­genabhängige zusätzlich Alkohol und Medikamente als Ersatzstoffe gegen Entzugserscheinungen. Dadurch wird die Entzugsbehandlung erheblich erschwert.

    Therapie

    Generelle Behandlungsziele einer Abhängigkeit (Sucht) sind es, den Betroffenen in seiner Persönlichkeit zu stabilisieren, ihn zu rehabilitieren und vor allem zu reintegrieren. Die Be­handlung einer Abhängigkeit gliedert sich in:

    • Kontakt- und Motivationsphase
    • Entgiftungsphase (körperlicher Entzug)
    • Entwöhnungsbehandlung
    • Nachsorge- und Rehabilitationsphase und Rückfall-Vorbeugung.

    In der ersten Phase (Kontakt- und Motivationsphase) geht es darum, die Abhängigkeit zu erkennen, was aufgrund der Tendenz zur Verheimlichung der Sucht oft erst sehr spät ge­schieht. Der Betroffene muss zur Therapie motiviert werden, wobei der Einfluss von Selbst­hilfegruppen hilfreich sein kann.

    In der Entgiftungsphase, die meist stationär durchgeführt wird, muss besondere Aufmerk­samkeit auf Entzugserscheinungen gerichtet werden. In der Entwöhnungsphase soll der Betroffene lernen, ohne die Droge zu leben; es werden vielfältige psychotherapeutische Maßnahmen eingesetzt. Der Abhängige soll beispielsweise durch die Gruppentherapie er­neut Eigenverantwortung entwickeln und größeres Selbstbewusstsein aufbauen. In der Ar­beit mit Angehörigen wird außerdem versucht, die oft gestörten familiären Beziehungen zu verbessern.

    In der folgenden Nachsorge- und Rehabilitationsphase geht es um eine langfristige Stabi­lisierung des Betroffenen – dabei spielt die Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Beruf und das gewohnte Umfeld eine entscheidende Rolle. Um Rückfällen vorzubeugen, ist das Treffen mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oft hilfreich.

    Bei der Behandlung von Abhängigkeit arbeiten verschiedene Stellen eng zusammen: Der erste Kontakt erfolgt meist durch Drogenberatungsstellen, Hausärzte und Psychiater. Die Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung wird dann überwiegend in Kliniken mit ärztlicher und psychologischer Unterstützung durchgeführt. Bei der anschließenden Nachsorge und Reha­bilitation kommt Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen eine entscheidende Bedeu­tung zu. Der Wiedereinstieg in den Beruf wird in der Regel von Sozialarbeitern unterstützend begleitet.

    Allgemein ist bei der Behandlung von Abhängigkeit zu beachten, dass Appelle an die Ver­nunft und abschreckende Hinweise meist wirkungslos bleiben. Dem Abhängigen sollte nicht vermittelt werden, dass er die Substanz nicht mehr zu sich nehmen darf, sondern dass er sie nicht braucht. Der Entzug sollte bei den meisten Substanzen abrupt und ohne Überbrü­ckungsmittel erfolgen, es besteht sonst die Gefahr, dass eine Mehrfachabhängigkeit ent­steht. Bei einigen Substanzen wird der Entzug allerdings üblicherweise mit medikamentöser Unterstützung durchgeführt, um die Entzugserscheinungen zu mildern, da viele Abhängige sonst nur schwer zur Therapie zu motivieren sind.

    Verlauf

    Von den Drogen- und Medikamentenabhängigen schafft nur ein geringer Prozentsatz den Selbstentzug. Die Abstinenzrate nach einer Entwöhnungsbehandlung liegt zwischen 20 und 40 Prozent.

    Vorbeugen

    Der einzige Weg, einer Drogenabhängigkeit verlässlich vorzubeugen ist, keine Drogen zu konsumieren. Eltern sowie andere Vertrauenspersonen sollten Vorbild sein und darauf ach­ten, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig über die Risiken des Drogenkonsums aufgeklärt werden. Aufklärende und verhaltenstherapeutische Programme an Schulen und gemeinnüt­zigen Zentren können dies unterstützen.