Versorgungsbedarf

Seelische Erkrankungen sind häufig und nehmen ständig zu. Innerhalb eines Jahres leiden etwa 30 % der Bevölkerung an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen (12 %), Angststörungen (14 %), somatoforme Störungen (11 %) und Alkoholmissbrauch bzw. Alkoholabhängigkeit (4,5 %). Die Zahlen entstammen dem German National Health Interview and Examination Service (GHS, Jacobi, 2004).

Der Anteil psychischer Erkrankungen an der Arbeitsunfähigkeit nimmt seit 1980 kontinuierlich zu. 16,8 % aller krankheitsbedingten Fehltage entfielen im Jahr 2008 auf psychische Erkrankungen. Die durchschnittliche Erkrankungsdauer bei psychischen Erkrankungen betrug 31,1 Tage. 20 % aller Langzeiterkrankungen (mehr als 42 Tage) entfielen auf psychische Erkrankungen (Barmer, 2008). Arbeitslose hatten 2008 die meisten Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen. Männer kamen auf 527, Frauen auf 709 Tage je 100 Mitglieder. Arbeitslose Männer waren damit rund 5 x so häufig wegen dieser Diagnose arbeitsunfähig, wie der Durchschnitt aller beschäftigten Männer mit 94 Tagen (aus BKK Faktenspiegel, Dezember 2009).

Insgesamt wurden im Jahr 2009 64.649 Menschen vorzeitig aufgrund von psychischen Erkrankungen berentet. Mit 32 % aller Rentenneuzugängen bei Männern und 44 % bei Frauen sind bei beiden Geschlechtern psychische Erkrankungen die häufigste Diagnosegruppe für vorzeitige Berentungen (aus Deutsche Rentenversicherung, RV aktuell, 9/2010). Die volkswirtschaftlichen Kosten seelischer Erkrankungen sind enorm. Allein die direkten Krankheitskosten zur Behandlung seelischer Erkrankungen betrugen 28,7 Milliarden Euro im Jahr 2008 (gegenüber 23,3 Milliarden Euro im Jahr 2002). Prozentual bezogen auf alle Krankheitskosten steigerten sich die Ausgaben von 10,7 % im Jahr 2002 auf 11,3 % im Jahr 2008 (nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes, 2010).

Verschiedene Studien legen nahe, dass nur die Hälfte der psychosomatischen Erkrankungen richtig erkannt werden. Die andere Hälfte wird übersehen, aus Schamgründen verheimlicht, als körperliche Erkrankung betrachtet oder als persönliche Auffälligkeit bewertet. Nicht alle psychischen Erkrankungen sind behandlungsbedürftig, ein Teil von ihnen könnte auch durch Selbsthilfe, Freundeskreis und Familie soweit gestützt werden, dass eine Bewältigung der psychischen Krise möglich ist.

In Bayern werden etwa 5.500 Einwohner durch einen Psychologischen Psychotherapeuten oder einen Facharzt für Psychosomatische Medizin versorgt. Bei einer Jahresprävalenz von 30 % müsste jeder von ihnen 1.650 Fälle, bei einer Jahresprävalenz von 10 % etwa 550 Fälle pro Jahr betreuen. Tatsächlich versorgt ein Psychologischer Psychotherapeut bzw. ein Facharzt für Psychosomatische Medizin jährlich nur ca. 50 – 100 Patienten pro Jahr. Die übrigen werden von Hausärzten oder Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie versorgt oder nicht erkannt und gar nicht versorgt.

Ein verbessertes System psychosomatischer Versorgung muss daher bei der Zusammenarbeit aller Leistungserbringer ansetzen: Hausärzten, somatischen Fachärzten, Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychologischen Psychotherapeuten, Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie, psychosomatischen Krankenhäusern, psychiatrischen Krankenhäusern und psychosomatischen Rehabilitationskliniken.