Informationen zu Abhängigkeit (Sucht)

Der ältere Begriff Sucht wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch den Be­griff der Abhängigkeit ersetzt. Dabei wird zwischen der psychischen Abhängigkeit, d.h. dem übermächtigen und unwiderstehlichen Verlangen, eine bestimmte Substanz wieder einzu­nehmen, und körperlicher Abhängigkeit, die durch Dosissteigerung und das Auftreten von Entzugserscheinungen gekennzeichnet ist, unterschieden. Insgesamt handelt es sich bei Abhängigkeit also um ein zwanghaftes Bedürfnis und Angewiesensein auf bestimmte Substanzen.

Je nach Art der Substanz unterscheidet man zwischen Alkohol-, Medikamenten-, und Dro­genabhängigkeit.

Häufigkeit

Etwa fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung leiden unter einer Abhängigkeit. Dabei kommt der Alkoholabhängigkeit die größte Bedeutung zu. In Deutschland sind etwa 1,7 Mio. Men­schen von Alkohol abhängig. Die Zahl der Medikamentenabhängigen liegt bei etwa 1,4 Milli­onen. Etwa 150.000 Menschen in Deutschland sind abhängig von harten Drogen. Unter den Alkohol- und Drogenabhängigen finden sich mehr Männer, wohingegen Frauen häufiger von Medikamentenabhängigkeit betroffen sind. Während Drogen überwiegend von 14-30-Jähri­gen konsumiert werden, tritt Medikamentenabhängigkeit am häufigsten zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr auf.

Ursachen

Eine Abhängigkeit (Sucht) entwickelt sich durch das Zusammenwirken verschiedener Fakto­ren. Zum einen spielt die Art der Droge eine tragende Rolle, andererseits gibt es auch Per­sonen, die anfälliger für eine Abhängigkeit sind. Letztendlich kann auch ein bestimmtes sozi­ales Umfeld die Entwicklung einer Sucht fördern.

Kinder lernen oft von ihren Eltern den unangepassten Konsum von Alkohol. Sie erleben, dass Alkohol zur Freizeit gehört und auch zur Problemlösung eingesetzt wird und überneh­men später häufig dieses Verhalten. Auch der Einfluss von Gleichaltrigen ist groß.

Medikamentenmissbrauch beruht häufig auf körperlichen Beschwerden und psychosomati­schen Störungen (z. B. Angst, Unruhe, Manisch depressive Erkrankung). Diese Beschwer­den entstehen oft durch Arbeits- und Lebensbedingungen wie Zeitdruck, emotionale Belas­tung und Isolation, die zu Konflikten und Spannungen führen. Gegen die Symptome werden selbstgewählte oder vom Arzt verordnete Medikamente unkontrolliert eingenommen, die aber gegen die eigentlichen Ursachen der Beschwerden nicht helfen. Es ist also eine Kom­bination verschiedener Risikofaktoren, welche die Entstehung einer Abhängigkeit wahr­scheinlich machen.

Die Droge

Ob sich eine Abhängigkeit entwickelt, hängt von bestimmten Merkmalen der Droge ab. Zum einen ist entscheidend, wie leicht verfügbar eine bestimmte Substanz ist. Die Tatsache, dass Alkoholabhängige den größten Teil der Abhängigen ausmachen, ist zumindest teilweise da­rauf zurückzuführen, dass Alkohol in Deutschland sehr leicht zu beschaffen ist. Andererseits scheint häufig auch der "Reiz des Verbotenen" (Betäubungsmittelgesetz) besonders groß zu sein, wenn eine Substanz nur schwer verfügbar ist. Darüber hinaus spielt die Wirkung der jeweiligen Substanz eine wichtige Rolle. So führt z.B. Alkoholkonsum zur Enthemmung und löst Ängste. Bei Medikamentenabhängigkeit steht zumindest am Anfang die schmerzlin­dernde oder beruhigende Wirkung im Vordergrund.

Ein weiteres einflussreiches Merkmal der Substanz ist ihr Abhängigkeitspotenzial, das heißt wie leicht sie zu psychischer oder körperlicher Abhängigkeit führt. Einige Substanzen führen schneller zur Abhängigkeit als andere, andere Faktoren wie z.B. die Persönlichkeit des Kon­sumenten spielen aber ebenfalls eine entscheidende Rolle. Auch ist die Toleranz für die je­weilige Substanz individuell unterschiedlich.

Das Individuum

Auf Seiten des Individuums können folgende Faktoren suchtfördernd wirken:

  • fehlendes Selbstbewusstsein und Komplexe
  • Spaß an Verbotenem und am Risiko
  • Langeweile
  • Beeinflussbarkeit
  • Problemverdrängung
  • gewünschte Leistungssteigerung
  • Kontaktstörungen
  • Geltungsdrang
  • fehlendes Konfliktverhalten
  • genetische Veranlagung

Situation, soziales Umfeld

Auch bestimmte Lebenssituationen und soziale Umfelder können suchtfördernd wirken. So wird beispielsweise in unserer Gesellschaft Alkoholkonsum nicht nur toleriert, sondern gehört fast schon zum Alltag. In bestimmten Gruppen (z.B. Vereinen) gibt es feste Trinkrituale, Abstinenz wird verlacht, Trinkfestigkeit gelobt. In anderen Kreisen gilt z. B. Kokain als schick. Auch ideologische Faktoren spielen eine Rolle – in der Hippie-Bewegung gehörte Haschisch zum Lebensgefühl.

Symptome

Abhängigkeit (Sucht) äußert sich durch vielfältige psychische und körperliche Störungen.

Psychische Störungen sind häufig Interessenverlust, Stimmungsschwankungen, Gleichgül­tigkeit, ängstliche Unruhe, Spannung usw.

Körperliche Symptome können Schwitzen, Übelkeit, Gewichtsverlust, Schlafstörungen sowie neurologische Ausfälle sein.

Häufig kommt es zu Vergiftungserscheinungen bis hin zum Koma und Entzugssymptomen, die mit schweren Krampfanfällen einhergehen können.

Die Betroffenen zeigen häufig charakteristische Verhaltensweisen, indem sie die Situation beschönigen, verleugnen oder verheimlichen. Abhängigkeit hat auch häufig soziale Auswir­kungen wie Kriminalität oder beruflichen Abstieg zur Folge. Die Selbstmordgefahr ist bei Ab­hängigen hoch.

Je nach Droge unterscheidet man folgende Formen der Abhängigkeit:

Morphin-/Opiat-Typ

Opium, Heroin, Methadon und einige stark wirksame Schmerzmittel besitzen unter den Dro­gen das höchste Abhängigkeitspotenzial. Es entsteht sowohl psychische als auch körperli­che Abhängigkeit mit rascher Dosissteigerung. Als Anzeichen einer Vergiftung treten Koma und Atemschwierigkeiten auf. Typische Entzugssymptome sind Unruhe, laufende Nase, Gänsehaut, Muskelschmerzen, Magenkrämpfe und Schlaflosigkeit. Diese Symptome begin­nen etwa sechs bis zwölf Stunden nach der letzten Einnahme und erreichen nach 24-48 Stunden ihren Höhepunkt. Sie klingen innerhalb von zehn Tagen ab.

Barbiturat-/Alkohol-Typ

Bei Schlafmitteln (Barbituraten) besteht ein beträchtliches Abhängigkeitspotenzial, relativ häufig werden sie auch bei Selbstmordversuchen verwendet. Nach dem Absetzen kommt es zu Schwäche, Übelkeit und Alpträumen. Wird das Medikament nach längerfristiger Ein­nahme hoher Dosen schlagartig abgesetzt, kann es zu Verwirrtheit, Unruhe und Krampfan­fällen kommen.

Psychische Symptome der Alkoholabhängigkeit sind oft depressive Verstimmung, Schuld­gefühle, verminderte Leistungsfähigkeit. Akute Vergiftungserscheinungen reichen von ge­steigertem Leistungsgefühl, Euphorie und Reaktionsverlangsamung über Veränderungen der Muskelfeinbewegung und Sehstörungen bis hin zu möglichem Umschlagen in depressive Verstimmung und Übergang in einen narkotischen Zustand.

Kokain-Typ

Am weitesten verbreitet sind Kokain und Crack. Es entsteht eine starke psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Dem Rauschstadium folgt ein depressives Stadium mit Angst und Depressionen. Das Verlangen nach erneuter Einnahme setzt ein, um diesen negativen Zustand zu beenden. Bei chronischem Kokainkonsum treten häufig Symptome wie Impotenz/Potenzstörungen, Herzrasen, vermehrte Halluzinationen und Verfolgungswahn auf. Beim Entzug stellt sich depressive Stimmung ein. Die Folgen von Crack-Konsum können sehr schwerwiegend sein, so treten z.B. irreparable Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, die zum Tod führen können.

Cannabis-/Marihuana-Typ

Bei Cannabis bzw. Marihuana entwickelt der Konsument eine psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit mit nur geringer Tendenz zur Dosissteigerung. Ein charakteristi­sches Entzugssyndrom gibt es nicht. Relativ häufig treten akute Angstreaktionen auf, es kann auch zu einem Nachrausch ohne Einnahme der Droge kommen. Chronischer Canna­bis-Konsum kann Teilnahmslosigkeit und Passivität zur Folge haben.

Amphetamin-Typ

Amphetamine – synthetisch hergestellte, stimulierende Substanzen – werden zur Antriebs- und Leistungssteigerung (Doping) und als Appetitzügler eingenommen. Zu den Amphetami­nen zählt auch die vollsynthetisch hergestellte Droge Ecstasy. Es entsteht eine psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Es gibt kein typisches Entzugssyndrom. Körperliche Auswirkungen sind Appetitzüglung und Blutdruckanstieg.

Halluzinogen-Typ

Beim Halluzinogen-Typ besteht starke psychische Abhängigkeit mit Tendenz zur raschen Dosissteigerung, es bildet sich aber keine körperliche Abhängigkeit. Die Substanzen sind teils synthetischen, teils pflanzlichen (Pilze, Kakteen) Ursprungs. Relativ häufig kommt es zu akuten Angstreaktionen und Nach-Rausch. Körperliche Symptome umfassen den Anstieg von Puls und Blutdruck und eventuell Übelkeit.

Schnüffelsucht (organische Lösungsmittel)

Bei der Schnüffelsucht wird ein Rauschzustand durch Inhalation von Klebstoff, Lösungsmit­teln oder Lacken herbeigeführt. Es entsteht psychische, aber keine körperliche Abhängigkeit. Als körperliche Folgen treten Herzrhythmusstörungen, Nervenschädigungen, Leber- und Nierenschäden und Schädigungen der Atemwege auf.

Polytoxikomanie

Unter Polytoxikomanie versteht man eine Mehrfachabhängigkeit. So konsumieren viele Dro­genabhängige zusätzlich Alkohol und Medikamente als Ersatzstoffe gegen Entzugserscheinungen. Dadurch wird die Entzugsbehandlung erheblich erschwert.

Therapie

Generelle Behandlungsziele einer Abhängigkeit (Sucht) sind es, den Betroffenen in seiner Persönlichkeit zu stabilisieren, ihn zu rehabilitieren und vor allem zu reintegrieren. Die Be­handlung einer Abhängigkeit gliedert sich in:

  • Kontakt- und Motivationsphase
  • Entgiftungsphase (körperlicher Entzug)
  • Entwöhnungsbehandlung
  • Nachsorge- und Rehabilitationsphase und Rückfall-Vorbeugung.

In der ersten Phase (Kontakt- und Motivationsphase) geht es darum, die Abhängigkeit zu erkennen, was aufgrund der Tendenz zur Verheimlichung der Sucht oft erst sehr spät ge­schieht. Der Betroffene muss zur Therapie motiviert werden, wobei der Einfluss von Selbst­hilfegruppen hilfreich sein kann.

In der Entgiftungsphase, die meist stationär durchgeführt wird, muss besondere Aufmerk­samkeit auf Entzugserscheinungen gerichtet werden. In der Entwöhnungsphase soll der Betroffene lernen, ohne die Droge zu leben; es werden vielfältige psychotherapeutische Maßnahmen eingesetzt. Der Abhängige soll beispielsweise durch die Gruppentherapie er­neut Eigenverantwortung entwickeln und größeres Selbstbewusstsein aufbauen. In der Ar­beit mit Angehörigen wird außerdem versucht, die oft gestörten familiären Beziehungen zu verbessern.

In der folgenden Nachsorge- und Rehabilitationsphase geht es um eine langfristige Stabi­lisierung des Betroffenen – dabei spielt die Unterstützung beim Wiedereinstieg in den Beruf und das gewohnte Umfeld eine entscheidende Rolle. Um Rückfällen vorzubeugen, ist das Treffen mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oft hilfreich.

Bei der Behandlung von Abhängigkeit arbeiten verschiedene Stellen eng zusammen: Der erste Kontakt erfolgt meist durch Drogenberatungsstellen, Hausärzte und Psychiater. Die Entzugs- und Entwöhnungsbehandlung wird dann überwiegend in Kliniken mit ärztlicher und psychologischer Unterstützung durchgeführt. Bei der anschließenden Nachsorge und Reha­bilitation kommt Suchtberatungsstellen und Selbsthilfegruppen eine entscheidende Bedeu­tung zu. Der Wiedereinstieg in den Beruf wird in der Regel von Sozialarbeitern unterstützend begleitet.

Allgemein ist bei der Behandlung von Abhängigkeit zu beachten, dass Appelle an die Ver­nunft und abschreckende Hinweise meist wirkungslos bleiben. Dem Abhängigen sollte nicht vermittelt werden, dass er die Substanz nicht mehr zu sich nehmen darf, sondern dass er sie nicht braucht. Der Entzug sollte bei den meisten Substanzen abrupt und ohne Überbrü­ckungsmittel erfolgen, es besteht sonst die Gefahr, dass eine Mehrfachabhängigkeit ent­steht. Bei einigen Substanzen wird der Entzug allerdings üblicherweise mit medikamentöser Unterstützung durchgeführt, um die Entzugserscheinungen zu mildern, da viele Abhängige sonst nur schwer zur Therapie zu motivieren sind.

Verlauf

Von den Drogen- und Medikamentenabhängigen schafft nur ein geringer Prozentsatz den Selbstentzug. Die Abstinenzrate nach einer Entwöhnungsbehandlung liegt zwischen 20 und 40 Prozent.

Vorbeugen

Der einzige Weg, einer Drogenabhängigkeit verlässlich vorzubeugen ist, keine Drogen zu konsumieren. Eltern sowie andere Vertrauenspersonen sollten Vorbild sein und darauf ach­ten, dass Kinder und Jugendliche frühzeitig über die Risiken des Drogenkonsums aufgeklärt werden. Aufklärende und verhaltenstherapeutische Programme an Schulen und gemeinnüt­zigen Zentren können dies unterstützen.